Augsburger Allgemeine 22.12.05

GEO Magazin 12/05 - Der Aufstieg des Guten

"Sozialpaten" machen Sozialarbeitern Konkurrenz
So sieht es auch Konrad Hummel, Stadtrat in Augsburg. Auf seinen Vorschlag hin begann die Stadt im Herbst 2004 freiwillige "Sozialpaten" für ein Programm zur Armutsprävention zu suchen. Wäre die Idee allein von engagierten Bürgern vorgetragen worden, wäre innerhalb der Stadtverwaltung darüber nicht einmal diskutiert worden. Denn aus Sicht der Beamten war der Gedanke geradezu radikal: Die Ehrenamtlichen sollten im Sozialamt ein- und ausgehen dürfen, Computer und Telefone benutzen, Empfehlungen abgeben. Sie sollten Verantwortung übernehmen.

Die Bürokratie muss umdenken
Und noch schlimmer: Die Beamten mussten ihre Arbeit neu erfinden - und einen großen Teil ihre Dienstzeit damit verbringen, die Arbeit der Sozialpaten zu unterstützen. "Man kann sich kaum vorstellen, wie weit entfernt diese Idee vom Selbstverständnis einer deutschen Behörde ist", erzählt Hummel. 
Ein Jahr lang haben Kollegen aus der Verwaltung ihn gewarnt: Seien Sie doch nicht naiv! Die Freiwilligen kommen niemals regelmäßig. Oder sie plaudern sensible Daten aus. Oder jemand zeigt sie an, und die Beamten müssen dann für deren Fehler haften. Am liebsten hätten manche für die Sozialpaten eine Fachkraft eingestellt, damit man aus Ehrenamtlichen wieder zu Betreuende hätte machen können. "Das ist die alte Denkweise", sagt Hummel: "Freiwillige sind nur zum Bänkeschleppen auf Sommerfesten zu gebrauchen." 

Noch mehr Beamte lösen kein Problem
Und diese Denkweise hat nach seiner Überzeugung keine Zukunft. "Der Sozialstaat ist wie ein Hamster, der sich die Backen voll stopft. Er kennt nur eine Reaktion: Mehr Probleme? Mehr Fachkräfte! Hier noch ein paar Schuldnerberatungsstellen, dort noch einen Sozialpädagogen." Ein Schönwettersystem, funktionstüchtig allein in Zeiten voller Kassen. Wenn aber aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit immer weniger Leute Sozialbeiträge zahlen und gleichzeitig immer mehr Planstellen geschaffen werden, um die Bedürftigen zu betreuen, dann wird das System zum Teufelskreis. Dann offenbart sich, meint Hummel, "der Größenwahn einer Politik, die die Bürger zu Kunden professioneller Sozialarbeit macht - anstatt auf Solidarität und Gemeinsinn zu setzen". 

Wer sich ausgenutzt fühlt, hilft nicht lange
"Das heißt nicht, dass der Staat seine Arbeit auf die Freiwilligen abwälzen darf", betont Hummel. "Ämter müssen ihre Arbeit so verändern, dass Ehrenamtliche einen sinnvollen Beitrag leisten können. Dass sie Lust bekommen, mitzumachen. Wer sich ausgenutzt fühlt, wird nicht lange helfen." Für die Beamten bedeute das eher mehr Arbeit als weniger - "aber die Ergebnisse sind besser, und das stachelt am Ende alle an." 
Denn plötzlich sind sie Teil eines bürgerschaftlichen Projekts - und nicht mehr Rädchen in einem Sozialsystem, das den eigenen Anspruch auf Rundumversorgung nicht mehr einlösen kann. Und das nach einem Begriff des Historikers Paul Nolte nur noch eines gewährleistet: "fürsorgliche Vernachlässigung".


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